An der Börse antizyklisch vorgehen – was ist das überhaupt?

Was antizyklisches Vorgehen an der Börse ausmacht, darüber kursieren die verschiedensten Theorien und Halbwahrheiten. So gibt es unter den Anhängern der Strategie etwa die Spezies der „Fundamentalisten“. Diese vertreten die Ansicht, antizyklisches Vorgehen sei generell und nur dann möglich, wenn man unterbewertete Aktien kauft und sich dabei an Unternehmenskennzahlen wie etwa einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis orientiert. Alles andere interessiere den antizyklisch vorgehenden Anleger nicht.

Der Ansatz hat gewisse Reize, sofern man ihn um einige wichtige Aspekte erweitert, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, greift aber eindeutig zu kurz: Der Duden etwa weiß zum Begriff „antizyklisch“: „In unregelmäßiger Folge wiederkehrend“ oder auch: „Einem bestehenden Zustand entgegenwirkend“ – von einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis ist da (natürlich) nicht die Rede. Vielleicht war einmal irgendwo zu lesen, antizyklisch vorgehende Börsianer würden ausschließlich spottbillige Unternehmen kaufen, und alle Fundamentalisten haben es eifrig abgeschrieben.

Antizyklisches Vorgehen an der Börse ist nämlich viel mehr. Wir wollen das an einigen Beispielen verdeutlichen:

Warren Buffett, nach Microsoft-Gründer Bill Gates zweitreichster Mann der Welt und erfolgreichster Investor aller Zeiten, erregte vor einigen Jahren Aufsehen durch seine massiven Silber-Käufe. Im Jahr 1998 erwarb Buffett zu Kursen von rund 5,00 US-Dollar je Feinunze Silberbarren im Wert von 650 Millionen US-Dollar. Sieht man sich den langfristigen Verlauf des Silberpreises an, dann wird klar, warum viele Investoren damals verständnislos den Kopf schüttelten:

Früher Vogel fängt den Wurm: Im Herbst 1998, als Warren Buffett massiv in den Silbermarkt einsteigt, interessiert sich noch niemand für Rohstoffe. Heute ist das anders....

Der Silberpreis befand sich in einer jahrelangen Seitwärtsbewegung. Nach einem kurzfristigen Aufflackern in 1997 waren die Notierungen wieder in sich zusammengefallen. Erinnert man sich an die damalige Stimmung an den Börsen, so ist es kein Wunder, dass sich gegen Ende der 1990er Jahre fast niemand einen nachhaltigen Anstieg des Silberpreises vorstellen konnte: Die Internet-Euphorie war in vollem Gange, gefragt waren heillos überteuerte Unternehmen wie Amazon oder Yahoo. Rohstoffe wie Gold und Silber interessierten niemanden. Außer ein paar Antizykliker wie Warren Buffett, die der Masse der Investoren mit ihren Überlegungen um Jahre voraus waren: Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis Warren Buffett Recht bekommen sollte. Heute ist die Situation völlig anders: Rohstoffe sind die Lieblinge der Börsianer...

Das Beispiel zeigt recht anschaulich, worum es dem antizyklisch agierenden Anleger geht: Er bewegt sich mit seinen Gedanken abseits der großen Masse, und er beschreitet Wege, von denen er annimmt, dass ihm eines Tages die anderen Anleger folgen werden. Dabei scheut er nicht davor zurück, auch einmal längere Zeit zu warten. Worum es dagegen nicht geht, ist der Versuch, sich gegen einen bestehenden Trend zu stellen.

Und noch etwas macht das Beispiel deutlich: Bei seinen Anlageentscheidungen orientiert sich der Antizykliker an Stimmungsextremen. Dieser Punkt ist besonders wichtig, denn er beinhaltet einen zentralen, wenn nicht sogar den wichtigsten Aspekt antizyklischen Investierens. Wir wollen diesen Punkt daher anhand einiger Beispiele verdeutlichen.
 

Bild Dir Deine Meinung?

Legendär ist etwa eine Titelgeschichte der BILD-Zeitung aus dem Frühjahr des Jahres 2000: Seinerzeit titelte das Boulevard-Blatt mit der Überschrift: „Reich mit Aktien“. In der Folge wurde den Lesern eine kaum überschaubare Menge „heißer Tipps“ ans Herz gelegt, darunter die schon erwähnten Internet-Lieblinge. Doch auch reine Zocker-Papiere wie etwa indonesische Banken fanden den Weg in das Massenblatt. Die Aktieneuphorie kannte keine Grenzen. Friseure, Bäcker und Taxifahrer waren über den aktuellen Stand von DAX und „Neuem Markt“ bestens informiert, an den Stammtischen wurden die nächsten Börsen-Überflieger herum gereicht. Das Börsenfieber hatte sämtliche Bevölkerungsschichten erfasst.

Was dann kam ist bekannt: Wer im März 2000 alle seine Aktien verkaufte, auch der handelte antizyklisch und traf womöglich eine der weisesten Entscheidungen seiner gesamten Anleger-Karriere. Es war unter anderem das Stimmungs-Extrem, das Antizykliker zum Verkauf bewogen hatte. Ein Blick auf die langfristige Kursentwicklung des Deutschen Aktienindex DAX macht dies deutlich:

Volltreffer: Eine Titelgeschichte in der BILD-Zeitung war im Frühjahr des Jahres 2000 ein treffsicherer Frühindikator für den folgenden Einbruch an den Aktienmärkten. Die Stimmung hatte ihren absoluten Höhepunkt exakt in dem Moment erreicht, als die Massenmedien vom „Reichtum durch Aktien“ schwärmten....

Doch auch anders herum wird ein Schuh daraus: Stimmungs-Extreme in die andere Richtung sind für den antizyklisch vorgehenden Anleger mindestens ebenso interessant. Manchmal bringen außergewöhnliche Ereignisse ganze Märkte so stark unter Druck, dass die Anleger ihre Aktien in totaler Panik zu Spottpreisen verschleudern. Verkauft wird dann, was nicht niet- und nagelfest ist, egal zu welchem Preis. Die Asienkrise des Jahres 1998 oder auch die Ereignisse nach dem 11. September 2001 waren solche Fälle.

Beherzt zugreifen

Auf dem Höhepunkt der Asienkrise etwa konnte man die Papiere von internationalen Blue-Chips wie Samsung Electronics zu absoluten Spottpreisen erwerben. Der Nachteil dabei: Solche Situationen dauern meist nicht allzu lange. Man muss sich schnell entscheiden, und dann beherzt zugreifen.
Auch hier ist der Blick auf die Schlagzeilen der einschlägigen Medien hilfreich. Im Falle der Asienkrise waren es plakative Berichte über einen bevorstehenden Staatsbankrott in Südkorea, die Antizykliker auf den Plan gerufen hatten. Als gleichzeitig gemeldet wurde, die Bevölkerung des Landes plündere die privaten Goldbestände, um dem Staat zu Hilfe zu eilen, lag der Schluss nahe, dass sich hier eine außerordentliche Gelegenheit anbahnte: Ein Land, dessen bekanntermaßen bienenfleißige Bevölkerung zu derartigen Maßnahmen greift, wird nur schwer Bankrott gehen können.

Mutig: Ganz ähnlich wie im Frühjahr 2000, nur mit umgekehrten Vorzeichen verhielt es sich auf dem Höhepunkt der Asienkrise 1998. Als in den Medien vom Staatsbankrott in Südkorea die Rede war, konnten mutige Antizykliker Aktien von renommierten Blue-Chips wie Samsung Electronics zu Spottpreisen einkaufen...

Doch auch für kurzfristig agierende Trader, kann es sich lohnen, auf Stimmungsextreme zu achten und dann auf Gegenbewegungen zu spekulieren. Kommt es etwa bei einer Aktie an einem Tag mit Panikverkäufen zu einem starken Kurseinbruch mit auffallend hohem Volumen, so lohnt es sich oft, die weitere Entwicklung genau zu beobachten. Steigt der Trader später ein, wird auch er mit seiner Meinung meist allein auf weiter Flur sein, er handelt daher ebenfalls im besten Sinne antizyklisch.

Die Papiere des Software-Konzerns Microsoft etwa hatten kürzlich dem kurzfristig agierenden Antizykliker einige interessante Einstiegs-Signale geliefert: Nach einem Ausverkaufstag Ende April 2006 mit auffallend hohem Volumen, bildeten technische Indikatoren wie RSI oder MACD positive Divergenzen (rote Linien im Chart unten), die auf eine erfolgreiche Bodenbildung hindeuteten. Wer daraufhin eingestiegen war, der konnte mit dem schwergewichtigen Blue-Chip innerhalb weniger Wochen eine Rendite von rund 20 Prozent erzielen.

Ausverkauf: Auch dem antizyklisch agierenden Trader bieten sich immer wieder interessante Gelegenheiten. Im Sommer 2006 kam es nach einem Ausverkauf beim Software-Giganten Microsoft zu einem deutlichen Kursanstieg. Indikatoren wie RSI und MACD hatten die Bodenbildung rechtzeitig angezeigt.

Dem Trader wird es bei seiner Vorgehensweise naturgemäß weniger um die fundamentalen Kennzahlen eines Unternehmens gehen. Die Aktien von Microsoft etwa waren für einen Investor, der sich ausschließlich für günstig bewertete Unternehmen interessiert, schon immer zu teuer. Doch natürlich wäre es schade, auf solche antizyklischen Gelegenheiten einfach zu verzichten.
 

Fassen wir zusammen:

Das Aufspüren von Stimmungsextremen ist ein wesentliches, wenn nicht sogar das wichtigste Element antizyklischen Vorgehens an der Börse. Da sich in solchen Extrem-Situationen fast niemand mehr für das betreffende Unternehmen oder den ungeliebten Sektor interessiert, sind Antizykliker häufig die ersten, die in ein Investment einsteigen.

Das gilt für langfristig agierende Investoren vom Schlage eines Warren Buffett, die erkannt haben, dass ein Unternehmen oder ein ganzer Industriezweig weit unter ihrem eigentlichen Wert notieren, ganz genauso wie für kurzfristig agierende Spekulanten, die im Kursverlauf einer Aktie nach einem Ausverkauf eine Verschiebung hin zu den Käufern sehen und daraufhin beherzt zugreifen.

Im Antizyklischen Börsenbrief werden wir Ihnen zu beiden Vorgehensweisen Tipps und Anregungen an die Hand geben.